Konzilsblog

Daniel Kosch   

Dr. theol.

Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ)

 

Mein Blick auf das Konzil

Meine erste «Konzils-Erinnerung» hat mit der Liturgiereform zu tun. Als ich Erst- oder Zweitklässler war, verkündete der Pfarrer im Sonntagsgottesdienst, das «Herr ich bin nicht würdig ...» werde künftig nur noch einmal gebetet. Und gleichzeitig wurden andere Vereinfachungen eingeführt, so dass man nicht mehr so oft und so lang knien musste. Dass das mit dem Konzil zu tun hatte, wusste ich natürlich nicht. Aber die Veränderungen kamen mir entgegen, denn ich hatte das Gefühl, die Zeit zwischen der Gabenbereitung und dem erlösenden «Gehet hin in Frieden» wolle kein Ende nehmen.

Ernsthaft begann ich mich erst anfangs des Theologiestudiums in Chur Ende der 70er-Jahre mit dem Konzil zu befassen. Die Einführung in die Bibelwissenschaft begann mit «Dei Verbum», die Ekklesiologie-Vorlesung orientierte sich konsequent an «Lumen gentium», die vom Konzil inspirierte heilsgeschichtliche Dogmatik des «Mysterium salutis» war das Standardwerk und die Konzilstheologen Karl Rahner, Hans Küng und Edward Schillebeeckx prägten das eigene theologische Denken. Etwas irritiert nahm ich  die spürbare Begeisterung der Professoren für die das Vatikanum II zur Kenntnis: Vieles, was sie als «neu» und «bemerkenswert» beurteilten, schien mir «selbstverständlich»: Ökumene, Laienmitwirkung, historisch-kritische Forschung ...

Aber schon während meines Theologiestudiums wurde spürbar, dass die Errungenschaften des Konzils bedroht waren. Man begann man von der Kirche «in winterlicher Zeit» zu sprechen und es meldeten sich die «zornigen alten Männer in der Kirche» zu Wort. Der «Fall Haas», die Art und Weise, wie Rom die Befreiungstheologinnen und –theologen zum Schweigen zu bringen versuchte, die theologische Diskreditierung der historisch-kritischen Exegese durch den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, der römische Zentralismus und andere problematische Entwicklungen führten mich je länger, je mehr zur Überzeugung, dass das Konzil gegen den Rückfall der Kirchenleitung hinter das Vatikanum II verteidigt werden müsse. Das gleiche Konzil, dessen Texte ich zu Beginn des Studiums als «zu brav» und zu «affirmativ» empfunden hatte, wurde zur «gefährlichen Erinnerung» (J.B. Metz), diesbezüglich dem Zeugnis der Bibel verwandt. Um so erfreulicher, dass ich in meinem Fachbereich, dem Neuen Testament und der Bibelpastoral, viele Frauen und Männer kennen lernte, die im Geist des Konzils  das Evangelium, seine Option für die Armen, seine Vision vom Reich Gottes und den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit mitten in der Welt von heute ins Zentrum stellten.

In der Auseinandersetzung mit den Diskussionen rund um die typisch schweizerische Doppelstruktur und die staatskirchenrechtlichen Gegebenheiten ist mir im Verlauf der letzten Jahre immer deutlicher geworden, dass es enge Zusammenhänge gibt zwischen den diesbezüglichen Positionsbezügen und dem Verhältnis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Jene, die am Primat der Volk-Gottes-Ekklesiologie und am konziliaren Auftrag festhalten, die «Zeichen der Zeit» zu beachten, haben in aller Regel einen grundsätzlich positiven Zugang zu den demokratischen staatskirchenrechtlichen Strukturen und zu einer Kirche, die sich als «Kirche im Volk» und «Kirche in der Welt von heute» versteht. Jene, welche nicht müde werden, die «communio hierachica» und den Anspruch des kirchlichen Amtes zu betonen, über die Glaubenswahrheit zu verfügen und diese gegen die «Diktatur des Relativismus» und den «Zeitgeist» zu verteidigen, bekunden hingegen Mühe mit den staatskirchenrechtlichen Strukturen. Denn sie sorgen nicht nur für eine «affektive» Aufwertung der Laien, sondern für eine «effektive» Stärkung ihrer Mitverantwortung, indem sie partizipative Strukturen schaffen und dem Volk Gottes  Mitentscheidungsrechte einräumen. Das Konzil selbst hat diese beiden Sichtweisen allerdings nicht als polare Gegensätze, sondern als zwei Brennpunkte einer Ellipse und als Spannungseinheit verstanden. So gesehen könnte das Konzilsjubiläum für die katholische Kirche in der Schweiz zur Chance werden, unfruchtbare Polarisierungen zu überwinden. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft, sich auf einen ernsthaften Dialog mit dem Konzil und miteinander einzulassen. Das allerdings ist nur unter der Voraussetzung möglich, dass bewusst und ausdrücklich darauf verzichtet wird, eigene Ansprüche mit den Mitteln der Macht durchzusetzen – seien diese nun kirchenamtlicher oder finanzieller Natur. Ob und in wie weit das möglich ist, ist derzeit offen.